Marathon-Mann Yeman Crippa
Mit 29 Jahren, einer Bestzeit im Visier und Los Angeles im Kopf: Italiens bester Marathonläufer ist angekommen, und hat doch noch große Ziele
Die Champs-Élysées als Zielgerade. Hunderttausende Menschen entlang der Strecke. Touristen, Pariser, Läufer-Fans aus aller Welt. Und mittendrin: Yeman Crippa, der beste Langstreckenläufer Italiens, der zum zweiten Mal durch Paris läuft – und diesmal alles anders erlebt.
„Bei den Olympischen Spielen war die Atmosphäre phantastisch, aber das Ergebnis war nicht gut", sagt er. „Diesmal war es ein wunderschöner Tag. Der beste Marathon meines Lebens." Die letzten zwei Kilometer auf der langen Geraden – eine Wand aus Jubel, Emotion, Energie. Für Crippa ist es ein Privileg, vor so vielen Menschen aus aller Welt zu laufen. „Es ist eine Ehre, dass all diese Menschen unser Rennen sehen wollen."
Er ist 29 Jahre alt. Für viele Läufer wäre das der Höhepunkt. Für Crippa ist es der Beginn von etwas Größerem.
Los Angeles 2028 steht auf dem Plan – mit dann 31 Jahren, dem klassischen Marathon-Alter der Großen. Noch lernt er die Distanz kennen, noch ringen die 42 Kilometer manchmal mit ihm. Aber er spricht nicht davon, den Marathon zu bezwingen. Er will ihn verstehen. Mit ihm „per du" werden. Ihn zum Freund machen.
„Ich lege meine Karten auf den Tisch", sagt er, der in Paris in 2:05:18 gewann. Und die Karten zeigen: 2:03:30 als nächster Schritt, dann 2:02, dann – wer weiß. Das Weltrekordrennen in London, bei dem gleich zwei unter der magischen Grenze von zwei Stunden blieben, hat auch in Crippa etwas ausgelöst. „Das ist der Bannister-Effekt", sagt er. „Wer heute 2:02 oder 2:01 läuft, will jetzt mehr. Ein Mauer ist gefallen."
Der Marathon boomt – und Crippa spürt es.
Früher schaute man zum Fußballer. Heute fragt man: Was trägt Crippa für Schuhe? Welches Training macht er? Kann ich das auch versuchen? Der Amateursport entdeckt die Langdistanz, und mit ihm eine neue Generation von Fans, die ihre Helden nicht mehr nur auf dem Fernsehbildschirm bewundern, sondern auf denselben Straßen laufen – nur eben langsamer.
„Wir sind ein bisschen zu Superstars geworden", sagt Crippa, und man hört, dass ihm das gefällt. Nicht wegen des Ruhms. Sondern weil die Leidenschaft, die ihn antreibt, jetzt auch andere antreibt. Und weil Unternehmen investieren – in den Sport, in die Athleten, in die Zukunft. „Wir alle gewinnen dabei. Ich, die Marken, die Amateure."
Der Wechsel zu ON war keine Entscheidung des Kopfes. Es war eine des Herzens.
Fünf, sechs Hersteller liegen technologisch heute nah beieinander, wenn von Karbonplatte, Schaum, Konstruktion gesprochen wird. „Vor drei, vier Jahren waren zwei Marken einen Schritt voraus. Das hat sich geändert." Was Crippa zu ON geführt hat, war etwas anderes: ein Projekt, eine Vision, eine Familie.
„Lasst mich in Trient trainieren, zuhause, bei meinem Team", sagte er. Und ON sagte: Ja. „Sie wollten, dass ich in Ruhe arbeite. Auch deswegen habe ich mich in ihr Projekt verliebt."
Was folgte, war kein Bilderbuchjahr. 2025 lief alles schief. Kein großartiges Ergebnis. DNF in London, DNF bei der WM. 2:12 Stunden in Valencia. Mentale Probleme, Rückschläge, ein Jahr, das wehtut, wenn man daran denkt. Was folgte: ein neuer Mental-Coach, ein neuer Ernährungsberater, ein Neustart.
Und ON? Stand daneben. Ließ ihn nicht fallen.
„Das war sehr schön von ihrer Seite", sagt Crippa leise. „Sie wussten, wen sie geholt hatten. Es ist ein Projekt. Kein einzelnes Jahr ruiniert vier Jahre Vertrag."
Bis Los Angeles bleibt er bei ON. Bis Los Angeles – und dann sehen wir weiter.
Yeman Crippa ist 29 Jahre alt, hat aus jedem Marathon etwas mitgenommen, hat gelernt, wie es sich anfühlt zu scheitern und wieder aufzustehen. Er kennt den Marathon noch nicht vollständig. Aber er lernt ihn kennen. Schritt für Schritt. Kilometer für Kilometer.
Und in drei Jahren, auf den Straßen von Los Angeles, könnte alles zusammenkommen.

