7 Marathons. 7 Tage. 7 Kontinente

  • Martin Schranz © World Marathon Challenge

Martin Schranz ist der erst dritte Österreicher, der es geschafft hat, die World Marathon Challenge erfolgreich zu beenden.

Er spricht gelassen und ruhig, ohne den Enthusiasmus zu verbergen, der in ihm hochkommt, wenn er darüber erzählt, was ihm wichtig ist: sich Ziele zu setzen, die nicht allzu leicht zu erreichen sind, den Weg dorthin konsequent zu verfolgen und die Entwicklung zu genießen, mit Menschen in Kontakt zu treten, die andere, nämlich ihre, Geschichten zu erzählen haben.

Martin Schranz kommt aus Vorarlberg, ist 46 Jahre alt, verheiratet, dreifacher Vater, hat im Onlinemarketing und Softwarevertrieb sein Geld gemacht und bislang nichts neues gefunden, für das es sich lohnt, seine Lebensenergie zu verschwenden, wie er selbst sagt.

Die persönliche Lebenslage und die Unterstützung der Familie versetzen Schranz in die Situation, seinen eigenen Zielen nachzujagen und seine Frage nach dem „Wieso“ immer wieder neu zu beantworten. Wieso auf den Mt. Everest steigen? Vielleicht nur, weil er eben da ist, um den britischen Alpinisten George Mellory (1886-1924) zu zitieren. Wieso quasi aus dem Stand heraus Marathons laufen? Vielleicht nur, um zu sehen, was möglich ist.

Und warum sich sieben Marathons an sieben Tagen auf sieben Kontinenten antun? „Weil das, was für einige sinnlos erscheinen mag, für andere motivierend und inspirierend sein kann“, sagt Schranz. Ruhig, gelassen, fokussiert.

Martin Schranz läuft seit zwei Jahren. Hat in Berlin 2024, eher unstrukturiert, seinen ersten Marathon bestritten. Dachte sich: „Da trainierst du so lange darauf hin, und dann ist in ein paar Stunden alles vorbei: Da muss doch mehr gehen.“ Wie es der Zufall wollte, traf der Österreicher in Indonesien, auf dem Weg zur Carstensz-Pyramide (dem höchsten Berg auf der australischen Kontinentalplatte) einen weiteren Abenteurer, der ihm vom „777-Lauf“ erzählt. „Das kann ich auch“, sagte er sich, und nahm sich 15 Monate Zeit, sich darauf vorzubereiten. Auf dem Weg dorthin bereitete er sich gezielt unter fachmännischer Betreuung auf den London-Marathon vor – und absolvierte ihn in einer Personal Best von 3:15 Stunden. Und ein paar Monate vor der läuferischen Weltreise konnte auch der Chicago-Marathon von der Wish-List genommen werden.

Antarktis, Südafrika, Australien,
VAE, Spanien, Brasilien, USA

Nach Thomas Taut (2018) und Angie Weinberger (2025) war Schranz der erst dritte Österreicher, der im Frühjahr dieses Jahres an der Ziellinie in Miami stand, erschöpft und erledigt, aber glücklich.

Der Trip im Schnelldurchlauf: erster Marathon in der Antarktis, wo es auf jeder der zehn Runden für 1,6 Kilometer Gegenwind gab, der das Laufen quasi verunmöglichte. „So gut du auch vorbereitet und kompetitiv sein magst, die Antarktis nimmt dir dein Ego und du legst das Konkurrenzdenken ab. Wind und Kälte sind stärker als du.“ Station Nummer zwei in Kapstadt ist nett und okay, dann geht es mit dem Flieger in 14 Stunden nach Perth – und als die Laufpartie dort aussteigt, werden Schranz und Co. mit Temperaturen von 40 Grad Celsius und dem heißesten Tag des Jahres empfangen. Er stellt sich an die Startlinie, trinkt während der nächsten vier, fünf Stunden neun Liter an Flüssigkeit und muss nicht ein einziges Mal auf die Toilette. Aber nicht nur Qualen: „Wir sind in der Nacht quasi in den Mond hineingelaufen, und der vorangegangene Sonnenuntergang gehört zu den wow-Momenten der gesamten Reise.“

Es sind nicht die körperlichen Übungen, die dem Extremsportler den Nerv ziehen, es ist die immer gleiche, langwierige, zeitaufwändige Routine: Es geht von Check-in zu Check-in, von Zoll zu Zoll, von Wartehalle zu Wartehalle, von Gate zu Gate. Und nirgendwo gibt es gescheites, Sportler-orientiertes Essen, weswegen Powergels schon vor den Läufen und neun bis zwölf während eines jeden der sieben Marathons existenziell werden. „ich habe so viel über Ernährung und Fueling gelernt, und klar ist: Wer zu tief in seine Kraftreserven reinläuft, der kommt dort auch nicht mehr aus.“

Der Lauf in Dubai geht vorüber, in Madrid warten zehn Runden auf einer Motorrad- oder Autorennstrecke mit 50 Höhenmetern, und während die 500 Hm bergauf noch gehen, schmerzen sie bergab umso mehr. Zu essen gibt es außer Pizza, die ihre bessere Zeit auch schon hinter sich hat, nicht viel, Schranz‘ Moral tut dies nicht gut. So merkt er in Fortaleza, dass er schwach ist und es schwer wird. Noch dazu zieht ein ausgewachsener Tropensturm auf, in seinen Laufschuhen fühlt er sich wie auf Glatteis unterwegs: „Also bin ich in meinen Straßenschuhen gelaufen.“

Doch dann ist es geschafft, oder fast. Es wartet nur mehr der Marathon in Miami, Florida und Frühling sind quasi Synonyme. Doch nicht in diesem Jahr. Bei der Landung ist Martin Schranz nicht klar, ob es sieben Uhr in der Früh oder am Abend ist, klar indes wird, dass es die kälteste Nacht Miamis seit 1904 wird: Während Leguane von den Bäumen fallen, kramen die Läufer und Läuferinnen in ihrem Gepäck und suchen sich jene Textilien heraus, die sie vor sieben Tagen schon verwendet hatten. In der Antarktis.

Nach sieben Tagen, 295,4 Kilometern in 31:13:22 Stunden ist Schranz am Ende: Die Wade erholt sich für Tage nicht, die Achillessehnen schmerzen. Doch er weiß einmal mehr: Wenn der Kopf etwas will, dann bringt der Kopf dich ans Ziel. Mit seinen Marathonzeiten kann er mehr als zufrieden sein, doch er betont: „Es ist ja immer die erste Frage, wie lange einer für den Marathon gebraucht hat. Nicht bei diesem Event. In unserer Gruppe war dies die ganze Woche über kein Thema. Viel mehr sind wir zu einer großen Familie oder Interessensgemeinschaft zusammengewachsen, wir haben uns auf den Rundkursen immer gegenseitig verbal motiviert und abgeklatscht, und danach ist’s immer nur darum gegangen: Wie geht es dir? Alles okay für morgen? Ach ja, und die asiatischen Teilnehmer haben mich um meine Startnummer, die ich zufälligerweise erhalten habe, beneidet. 888, das steht in fernöstlichen Kulturen für Geld, Glück, Reichtum.“

Tokio, Boston, New York, Denali;
und der Silvretta-Marathon

Vier Wochen nach dem „777“ lief Schranz in Tokio (und traf dort zufällig drei Mitstreiter aus der globalen Marathonwoche), den Boston-Marathon brachte er im April ins Ziel, und mit jenem in New York im Herbst wird Schranz die World Marathon Majors, die so genannten „Big 6“ wohl komplettieren. Er denkt daran, mit dem Triathlon zu beginnen und einen Ironman zu finishen, liebt es aber nicht zu schwimmen. Er weiß, dass ihm der Denali fehlt, um seine „Seven Summits“, die Besteigung der höchsten Berge eines jeden Kontinents, zu vollenden. Und er weiß, dass er wieder beim heimischen Silvretta Marathon dabei sein wird: „Ich bin ein Kind der Berge, dort macht es mir Spaß.“ Aber alle anderen, so genannte große, wichtige Projekte? Nur dann, wenn er es wirklich will, wenn es ein zutiefst ehrliches „hell, yes!“ ist. Schranz: „Wir leben in einer Zeit, in der gefühlt jeder eine Community zu füttern hat. Das muss ich nicht, das brauche ich nicht. Ich habe nicht einmal eine Story zu erzählen am Weihnachtstisch.“ Das ist selbstverständlich die Untertreibung des Jahres. Schranz hat Geschichten zu erzählen, die Bücher füllen könnten, und wer nach Anekdoten Ausschau hielte, wäre bei ihm gut aufgehoben…

… und würde doch nur an der Oberfläche kratzen. Schranz ist nachdenklich und reflektiert. Er weiß, dass er die riesengroßen Menschenmassen bei den Flagship-Events in der Marathonwelt auf Dauer nicht braucht, und er würde deswegen wohl eher auch einen Bogen um UTMB-Rennen machen. Er weiß auch, kein Läufer gewesen zu sein bis vor zwei Jahren, als er 44 Jahre alt war, und er sagt einen Satz, der für alle Gültigkeit hat: „Ich fange nicht aufgrund meiner Biografie an, alt zu werden. Es liegt an mir, jung zu bleiben.“ Dabei geht es nicht darum, sich die World Marathon Challenge leisten zu können oder zu wollen – oder eben nicht. Viele von Martin Schranz‘ Mit-Läufer:innen hatten entweder das Geld oder sparten darauf hin, sich diesen Traum, oder Lebenstraum zu erfüllen: „Dadurch kam ein faszinierender und interessanter Mix an Menschen aus der gesamten Welt zusammen. Doch meine Message ist eine andere: Jeder hat Wünsche und Träume. Jagd diesen nach!“

Mit „Myidol“ hat Schranz eine eigenfinanzierte Stiftung gegründet, in der es um Bildung und Inspiration geht. Er hält auch eine Beteiligung am Vorarlberger Unternehmen „Longevity Rheintal“, die sich mit Sauerstoffdruck- und Kryokammern sowie Nahrungsmittelergänzungen beschäftigt. Wie sagt Schranz: „Es geht darum, sich etwas zuzutrauen, sich Ziele zu stecken, von denen man nicht weiß, ob man sie auch erreichen kann. Die Komfortzone ist schön und wichtig – doch sie entwickelt einen nicht weiter. Ich will mit meinen Unternehmungen nichts anderes tun, als einen kleinen Anstoß geben.“ Sich selbst, und auch anderen.

 

Webtipps

https://martin-schranz.com/

https://worldmarathonchallenge.com/

https://longevity-rheintal.ch/

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